Der Deutsche Computerspielepreis 2010 - Ein Schlag ins Gesicht der Spieleindustrie?
“Eine Farce”, “Kuschelpreis für Computerspiele”, “Deutschland feiert Kinderspiele”. So lauteten Überschriften zu Berichten über den am 29. April in Berlin verliehenen Deutschen Computerspielepreis 2010. Während man endlich auf Anerkennung der Branche hoffte, sorgte die Preisverleihung für einiges Stirnrunzeln. Denn die Disqualifizierung der in der Kategorie “Bestes internationales Spiel” nominierten gewalthaltigen Games führte zu einer Nachnominierung eines deutschen Spiels, das auch prompt den Titel gewann.
Auch das “Browsergame des Jahres” wurde auf der Veranstaltung gekürt. Gewonnen hat die Auszeichnung das Spiel Wewaii von Travian Games. Nominiert waren außerdem Pirate Galaxy der Splitscreen Studios und Online Golf Challenge von OCGOpen. Doch die eigentliche Überraschung folgte wie schon erwähnt bei der Verleihung des Preises für das “Beste internationale Spiel”. Hier waren sowohl Electronic Arts Dragon Age: Origins, Sonys Uncharted 2 und Nintendos Professor Layton und die Schatulle der Pandora nominiert. Doch alle drei Spiele schieden aus, da sich die Jury nicht einigen konnte. An deren Stelle rückte dafür ein Game aus Deutschland nach: Ubisofts Dawn of Discovery, das bereits den Titel “Bestes Deutsches Spiel” unter dem hierzulande benutzten Namen Anno 1404 einheimste. Anno 1404 ist zwar ein hervorragendes Spiel, das es durchaus verdient hat, einen Preis zu gewinnen. Jedoch sollte es nicht dafür herhalten müssen, ebenso herausragende Games, die eigentlich in die Kategorie “Bestes internationales Spiel” gehören, zu verdrängen, nur weil es kaum Gewalt enthält.
Zwar ist eine Nachnominierung nicht unüblich und auch regelkonform, doch macht es stutzig, dass die von einer Fachjury ausgewählten Titel ignoriert und kurzerhand von der Hauptjury durch ein Spiel ersetzt werden, was in dieser Kategorie eigentlich gar nichts zu suchen hätte, ist es doch ein Spiel aus Deutschland. Doch laut Wolf-Dieter Ring, dem Vorsitzenden der Jury und Präsident der Bayerischen Landeszentrale erhält kein gewalthaltiges Spiel den Deutschen Computerspielepreis. Bereits auf der Veranstaltung wurde der Unmut darüber laut. Die Entscheidung der Hauptjury macht deutlich, wie die Politik zu Computerspielen steht. Jegliche Art von Gewalt in Games wird rigoros abgelehnt und die Spiele dafür abgestraft. An erster Stelle scheint nicht die Qualität der Spiele sondern der Grad an Gewalt zu stehen. In den Köpfen sitzt offenbar nicht mehr nur die Angst vor den möglichen Auswirkungen gewalthaltiger Computerspiele auf Jugendliche, sondern auch der Gedanke, dass es sich bei Computerspielen um einen Zeitvertreib für Kinder und Jugendliche handeln muss und offenbar nicht so ernst genommen werden, wie sie es sollten. Dies scheint auch der Umstand zu bestätigen, dass das Adventure The Whispered World von Deadalic - obwohl für die Kategorie “Bestes Kinderspiel” nominiert - den Preis für das “Beste Jugendspiel” gewann und damit alle anderen in dieser Kategorie nominierten Spiele kurzerhand ins Abseits katapultierte. Die Entscheidung, Whispered World in eine andere Kategorie zu stecken, wurde über die Köpfe der Fachjury hinweg von der Hauptjury getroffen, ohne alle Beteiligten zu informieren.
Nach der Preisverleihung war die Fachpresse entsetzt und stellte anschließend den Sinn der Veranstaltung in Frage. So schrieb das ZDF auf der Website des heute-Magazins: “Dabei hatte alles so schön angefangen. Nach Jahren schlampig recherchierter TV-Berichte, polemischer Expertenmeinungen und reflexartiger Amoklauf-Statements fühlten sich Gamer und Spieleindustrie in Misskredit gebracht. Das änderte sich, als die Games-Branche 2008 in den Deutschen Kulturrat geladen wurde: Das hässliche Entlein “Computerspiel” erhielt seinen politischen Ritterschlag.” Richtig, aber dumm nur, das ausgerechnet diese “schlampig recherchierten TV-Berichte, polemischen Expertenmeinungen und reflexartigen Amoklauf-Statements” in Sendungen des ZDF wie Frontal21 zelebriert wurden. Eigentor oder richtet man etwa beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein Fähnlein stets nach dem Wind? Die Welt schreibt: “Nachdem beim Computerspielpreis das vergleichsweise harmlose Uncharted 2 ohne Chance war, steht fest: Spiele “Ab 18″ und “Ab 16″ sind faktisch nicht zugelassen. Man sollte die Auszeichnung umbenennen. Es ist der “Computerspielpreis für Jugendspiele”.” Und genau das darf der Preis nicht sein. Erwachsene, mündige Spieler dürfen nicht ausgeklammert werden, gehören Computerspiele doch - auch wenn es die Politik nicht wahrhaben will - schon seit Jahrzehnten zu ihrer Kultur. Aus der Politik dagegen kommen natürlich positive Stimmen. Hans-Joachim Otto, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie kommentiert den Preis: “Computerspiele sind mittlerweile ein ganz selbstverständlicher Teil unserer Alltagskultur. Dahinter steht eine deutsche Industrie mit Weltrang. Deutsche Unternehmen entwickeln Spiele auf technisch und erzählerisch höchstem Niveau. Ihre Innovationen kommen auch in anderen Branchen, wie der Medizintechnik oder der Filmwirtschaft, zum Einsatz. Allen Preisträgern und den Nominierten gratuliere ich ganz herzlich und wünsche Ihnen auch in Zukunft viel Erfolg”.
Jan Beuck, CEO von Playa Games gab gegenüber GameBizz seine Meinung zu der Situation kund: “Der Deutsche Computerspielepreis feiert sich selbst als Beweis dafür, dass Computerspiele in Deutschland endlich als ein mit Filmen gleichwertiges Kulturgut anerkannt sind. Leider belegt die Nachnominierung eines praktisch gewaltfreien und obendrein noch deutschen Titels in der Kategorie “Bestes Internationales Spiel” das genaue Gegenteil: Spiele werden immer noch nur dann von den Politikern akzeptiert, wenn sie weichgespült und kommerziell erfolgreich sind - und eben keine Kunstprojekte. Der Deutsche Computerspielepreis ist damit wie eine Oskar-Verleihung bei der es nur einen Preis für den besten Zeichentrickfilm gibt.”
Der Deutsche Computerspielepreis ist enorm wichtig für die Branche, doch damit Computerspiele auf eine Stufe mit Kinderspielzeug zu stellen, ist der falsche Weg. Die Politik und die Gesellschaft müssen anerkennen, dass auch Erwachsene diese Art der Unterhaltung nutzen und hier nicht bevormundet werden wollen. Auch eine Gleichstellung der Computerspiele mit Filmen wäre wünschenswert, genau wie die Anerkennung von Computerspielen als Kunstform. Eine Möglichkeit, die derzeit diskutiert wird ist, den Deutschen Computerspielepreis in eine Sparte für Kinder- und Jugendspiele und eine für Erwachsene aufzuteilen. Eine interessante Idee, doch ob dies durchgesetzt wird, steht noch nicht fest. Zudem zeigt die Nachnominierung von Anno 1404 auch, dass der Politik ein Stück weit die Medienkompetenz und Erfahrung in Sachen Computerspiele fehlt. Fakt ist, ein derart negatives Presse-Echo, wie es der Preis dieses Jahr erhielt, lässt sowohl die Veranstaltung wie auch die Branche nicht gut aussehen, was die Veranstalter dazu zwingen sollte, einiges zu überdenken - und das ist auch gut so, um die Computerspiele in Deutschland in das Licht zu rücken, in das sie gehören.

am 5. May 2010 um 12:11 Uhr.
Guter Artikel!
Allerdings: “Der Deutsche Computerspielepreis ist enorm wichtig für die Branche”
Tatsächlich?
Wenn Ubisoft und EA Geld spenden um es sich dann gegenseitig wieder als Preisgeld auszuzahlen, was nützt das der deutschen(!) Computerspielebranche?
Es gibt eindeutig zu viele Preisverleihungen und das die Preise am Ende immer an Spiele von Herstellern gehen, deren Mitarbeiter in der Jury sitzen macht sie allesamt wertlos. Ebensogut könnten die Hersteller eigene Awardveranstaltungen machen und sich selbst den Preis “Bestes Internationales Spiel (von EA)” verleihen - erinnert ein bisschen an die Hausmessen.
Noch schlimmer ist nur das der Chef-Zensor Wolf-Dieter Ring als Jury-Vorstand ausgewählt wurde - wer ist dafür eigentlich verantwortlich? Es darf ja gerne ein Politiker sein, aber bitte einer der sich mit Computerspielen für alle Altersgruppen auskennt und frei von Vorurteilen ist.